Getreidefeld

Zwei Leben: das Kind der Heide, die Frau der Stadt

Ich bin ein Dorfkind. Ich bin mit Gänseblümchen zwischen den Zehen und erdbeerverschmiertem Mund groß geworden. Ich weiß, wie sich eine Kuhzunge auf der Haut anfühlt und dass Kälbern beim Trinken der Sabber vom Maul tropft. Ich saß auf Treckern, Schubkarren, Mopeds, Heuanhängern, sonnenblumengeschmückten Bollerwagen, auf Jägerhochsitzen und aneinandergeknüpften Schlitten, die ein Traktor im Mondschein über die Stoppelfelder zog.

Im FeldGersteStoppelfeld

Ich war Sandkastenbäckerin, Butterblumenkönigin, Marienkäferpflegerin, Glitzersteinarchäologin, dann Ausreißerin, Gärtnerin, Baumeisterin und Abenteurerin auf der Wiese, im Garten, oben im Kirschbaum. Ich bin im Sommer mit Karpfen und Enten geschwommen, am Ufer ein Metallknäuel aus achtlos fallengelassenen Fahrrädern der dritten Generation. Ich kann Bierflaschen mit Feuerzeugen öffnen. Ich kenne das Gefühl von wattigem Moos, von harten Stoppeln abgeernteter Felder, von Flusswasser, taufrischem Waldboden und von Wespen im Klee unter den Füßen. Ich weiß, wie Raps riecht. Und wie Spargel wächst. Ich kann hören, wie leise die Heidelandschaft klingt und wie laut ein Windrad bei Sturm.

Windrad

Ich kann Autofahren, seit ich 15 bin. Ich bin mit einem Fuß auf dem Bordstein und dem anderen im Rinnstein bei Nacht nach Hause gelaufen, weil die Straßenlaternen schon erloschen waren und ich nur das Sternenlicht und eben diesen zielführenden Bordstein zur Orientierung hatte. Ich habe Zwetschgen vom Baum, Pilze aus dem Unterholz und selbst geerntete Kartoffeln aus Omis Garten gegessen. Ich habe ein Feuerwehrauto mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn unfallfrei über eine Kreuzung gelenkt. Und ich habe die Zähne einer Kettensäge in tote Baumstämme gedrückt. Ich kenne sowohl die korrekte Handhaltung beim Lüttje-Lage-Trinken als auch die beim Melken und hatte schon den verlockenden Duft einkochender Marmelade und den säuerlich beißenden Geruch der frisch gedüngten Felder in der Nase.

ErnteSchafe

Ich bin im Winter auf dem gefrorenen Hochwasser, das in den Wiesen stand, Schlittschuh gelaufen, bis ich meine Zehen nicht mehr gespürt habe. Ich kenne es, jeden zu kennen und Fremde zu grüßen. Ich kann Discofox tanzen. Ich weiß um das Zittern im Handgelenk, wenn man ein Motorbord stromaufwärts lenkt und das Gas aufdreht. Ich bin gefallen, war oft schmutzig, hatte rote Wangen und war schwerelos.

FeldStrohballen

Ich bin eine Frau und lebe in der Großstadt. Ich trinke nach einem langen Tag gern kubanische Cocktails oder einen gut zubereiteten Cappuccino. Ich schaue mir Arthouse-Filme und experimentelle Theaterstücke an. Ich besuche abstrakte Queer-Ausstellungen amerikanischer Künstler. Ich nutze soziale Medien. Täglich. Ich lebe in einer Wohnung, die sich zwischen einem glutenfeindlichen Café, der Rotlichtmeile, einem Parkhaus und einem afrikanischen Restaurant unauffällig über dem Kopfsteinpflaster aufbaut. Ich weiß, wie Graffiti-Sprayer die Farbe auf eine Hauswand auftragen und wie es riecht. Ich lasse mich inspirieren und von Einflüssen und Reibungen antreiben. Ich entscheide spontan, ob ich heute mongolisch, vietnamesisch, äthiopisch oder lateinamerikanisch essen gehen möchte. Ich erlebe, wie sich Beton im Sommer quält und wie er dich im Winter auf Abstand hält. Ich kenne es, niemanden zu kennen und es zu schätzen zu wissen. Ich liebe das Gefühl, alles und jeder sein zu können.

Doch: Wenn die Frau aus der Stadt, der es schwer fällt, für sich selbst das Wort „Frau“ zu verwenden, zurück aufs Land kommt, ist alles wieder so, wie es schon immer war. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Und von irgendwoher begrüßt sie ein Kinderkichern. Dann atmet sie tief die klare Luft ein, spürt das so ursprüngliche Vertrauen um sie herum und lacht.

Sonnenblumen

Das bin ich. Wer seid ihr? Seid ihr Wildblumen oder domestizierte Großstadtpflanzen? Egal, welchen Lebensraum ihr liebt: Hauptsache ist, ihr blüht 🙂

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