Fenster der Stadt

Die gläserne Stadt

Meine Augen tasten sich über die Dächer der Stadt. Zwischen Baukränen und ein paar grünen Wipfeln reflektieren Fensterscheiben das Licht der Abendsonne. Über allem thront wie ein stummer Beobachter der Fernsehturm.

Hinter den Fenstern, vor neugierigen Blicken wie meinem verborgen, ist Leben. Fast hinter jedem Glas liegt ein Schicksal. Doch so wenig ich durch die reflektierenden Fenster ins Innere blicken kann, so wenig weiß ich über die Menschen dahinter. Was liebt er, der hinter den steilen Veluxfenstern lebt? Was hasst der Bewohner des rotgeklinkerten Hauses mit den Glasbausteinen? Manchmal schaltet einer von ihnen das Licht an und ich erhasche einen kurzen Moment Natürlichkeit, bevor die Bildfläche wieder unbespielt zurückbleibt oder das Licht verlischt. Ich bin eine von ihnen, den Menschen, die Wand an Wand leben und sich doch erfolgreich vor einander und dem Rest der Welt verstecken, die das Licht löschen, damit sie keiner beim Leben sieht.

Dächer der Stadt

So sehr wir uns auch bemühen, wir schaffen es doch nie so ganz, hinter die Fassade des anderen zu blicken, selbst wenn wir dazu eingeladen werden. Wie ein Gefängnisgitter ziehen sich da plötzlich Sprossen durchs Sichtfeld und verstellen die Sicht auf das Gesamtbild – oder andersherum nehmen sie einem von innen den Blick auf einen doch eigentlich endlosen Horizont.

Wir kennen niemanden richtig, sondern bekommen immer nur ein Zipfelchen seines Wesens zu fassen, meist gerade das, für das der Bewohner absichtlich das Licht anlässt, damit wir es sehen dürfen. Und obwohl ich selbst und wahrscheinlich viele mit mir sich wünschen, dass jemand dem Nachtlicht folgt, die Einladung annimmt, zu uns rüberkommt und wir ihm alle Türen öffnen, wird es uns nie gelingen, dass er uns völlig versteht. Wie auch, viel zu oft verstehen wir uns ja nicht mal selbst. Manchmal begegne ich mir selbst wie einer Fremden und versuche, mein eigenes Licht zu finden, das mir den richtigen Weg zeigt.

Blick aus dem Fenster

Geht es nur mir so? Stehe nur ich am Fenster und rufe: „Ist da draußen irgendjemand, der mich versteht?“ und hoffe, dass ich Antwort bekomme? Oder stehen wir alle brüllend am Fenster und bemerken dabei gar nicht die Schreie um uns herum? „Hör zu, hör auf deine eigene Stimme“, sagen die Weisen der Abreißkalenderindustrie, doch wie soll man verstehen, was die Stimme sagt, wenn sie immer nur schreit?

Blick auf die Straße

Oft habe ich das Gefühl, je mehr ich versuche zu erklären, was in mir vorgeht, desto weiter entfernt sich mein Zuhörer davon, mich tatsächlich zu verstehen. Und wenn wir ehrlich sind: Wer will denn schon wirklich jemand anderen verstehen? Hat doch jeder schließlich seine eigenen Sorgen hinter den beschlagenen Fenstern seines Ichs. Oder versuchen wir am Ende viel zu sehr zu ergründen, was in uns vorgeht? Ist die Zeit unser Problem, mit der wir so sehr versuchen, das Beste aus ihr herauszuholen, dass wir am Schluss nur dasitzen und grübeln, wie wir das anstellen sollen?

Straßen der Stadt

Ich sitze am Fenster und blicke auf die Häuser der Stadt. Bis auf die Lichter der Straßenlaternen ist alles dunkel. Gerade als ich mich abwenden will, geht in der Wohnung gegenüber ein Licht an – und der Bewohner winkt mir zu …

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2 Gedanken zu “Die gläserne Stadt

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