Herz im Harz

Meine Finger rauschen durch die Seiten, zurück im Kalender, immer weiter und schneller, bis ich dorthin komme, als ich noch keinen Kalender brauchte. Wann haben wir angefangen in Jahrzehnten zu rechnen? Acht oder neun Jahre reichen leider nicht mehr, um anzugeben, wann ich das letzte Mal im Harz war …

SeilbahnTeich

Vermutlich steckte ich damals in knallbunter Schneehose, mit einer dieser Kindermützen, die man erst einmal ganz über den Kopf ziehen musste, bevor man wieder durch das kreisrunde Loch schauen konnte. Trotzdem fühlt es sich wieder ein bisschen so an wie damals. Das könnte daran liegen, dass mein Bruder dabei ist, meine Cousinen, die Zeugen meiner Kindheit, mit denen ich Kieselsteine in Schneemanngesichter gedrückt habe. Bekannt bis ins Mark – trotz neuer Eigenheiten, die dazugekommen sind – und für immer mit Seemannsknoten verbunden, an denen wir als Kinder so viele Erinnerungen für später vertäut haben, ohne es zu merken.

Erstaunlich, wie man zurückfällt und alte Muster automatisch wieder aufnimmt, wenn man auf Menschen trifft, die man schon sein ganzes Leben lang kennt. Unverstellt und mit ungeschminktem Lächeln übernehmen wir den Ort, der für heute zum Symbol unserer gemeinsamen Kindheit wird. Der Schnee animiert zum Unfug und verspricht flüsternd eine Zeitreise zu Schneeballschlachten, eisigen Füßen, rotgefrorenen Wangen und Schneeengeln. Heute nehme ich mir frei vom Erwachsensein.

GepudertTanne im Schnee

Ich wärme mir die Hände an der Thermoskanne mit heißem Kakao und blicke den baumbestandenen Hang hinauf, den ich gleich mit meinem uralten, hölzernen Kinderschlitten bezwingen werde. Dessen Kufen haben schon bessere Tage gesehen (ich muss es wissen, ich war dabei!), aber ich fühle mich abenteuerlustig genug, um das zu übersehen. Mein Schalk, der vielleicht in letzter Zeit einmal zu oft von mir zurückgewiesen worden ist und gerade noch beleidigt geschmollt hat, ist jetzt in Hochform! Ich will unvernünftig sein, kindisch, albern und peinlich. „Möchtest du wirklich die total vereiste, halsbrecherische Strecke ins Tal nehmen oder nicht doch lieber die familienfreundliche mit Überlebenschance?“ Heute trifft der Schalk die Entscheidungen und ich stoße mich mit den Füßen ab …

RodelbahnRodeln

Wir alle können noch so alt werden, noch so vergesslich (vielleicht war die Schneehose nicht rot, sondern lila), doch immer werden die Kinder, die wir einmal waren, unsichtbar neben uns herlaufen und sich an den Händen halten, während sie sich gegenseitig mit Schnee einseifen.

 

 

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