London, my love

London macht etwas mit mir. Jedes Mal, wenn ich dort bin. Ich fühle mich, als wäre ich plötzlich eine Figur in einem bedeutenden Buch oder vielmehr, als hätte man mir eine Statistenrolle in einem meiner Lieblingsfilme gegeben.

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Piccadilly Circus

Union Jack

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Trafalgar Square

Mit glänzenden Augen und vor Erwartungen kribbeligen Beinen betrete ich dann das Set. Ich darf mich in aller Ruhe umsehen. Wie schon zuvor staune ich über die Jahrhunderte, die sich hier im wilden Mix aneinanderreihen und sich gegenseitig die Schau stehlen. Royale Prachtbauten lugen hinter Graffiti-überzogenen Backsteinmauern hervor. Ich drehe nur leicht den Kopf und erfasse mit einem Blick so viel auf einmal: Türme aus Glas, die sich an altehrwürdigen Gemäuern vorbeidrängen. Unter den Eisenbahnbrücken aus rotem Backstein haben sich exotische Essensstände und Fotokünstler eingerichtet. Vor aufgestylten Boutiquen und TV-Koch-Franchise-Läden drehen sich Jungs in Tanktops auf ihren Köpfen, während im Hintergrund dröhnend rote Busse über die Kreuzung rollen. Und über das Themsenufer sprenkeln sich Bücherflohmärkte und Straßenmusiker – eine riesige, pulsierende Kulisse voller Gegensätze. Dutzende Male gelesen, hundertfach über die Mattscheibe flimmern sehen – alles bekannt, alles schon gesehen und doch so anders, wenn man es selbst erlebt. 

Shakespeare

Soho

Soho

Borough Market

Borough Market

Camden Market

Camden Market

Während ich glücksinfiziert umherstaune, passiere ich sie. Die mit dem festen Drehplan. Die, die für das tägliche Leben hier eingeteilt sind. Die leicht abgehobenen multikulti-gemixten Hauptdarsteller dieses Historien-Mystik-Dramedy-Film-noir-Milieu-Streifens: die Bewohner Londons. Die Glücklichen.

Ich bin Nebendarsteller, also darf ich neugierig sein und gucken. Ich darf so tun als ob. Ich darf in einem trendigen Café mit Kronleuchter sitzen und dem Treiben auf der Straße zuschauen. Ich darf wie selbstverständlich auf dem Borough Market einkaufen, als hätte ich heute Abend Freunde zum Essen eingeladen. Ich darf am Trafalgar Square Taubenkleckse zählen und versuchen, mich im grünen Wasser der Themse zu spiegeln, das durch so viele Jahrhunderte menschlicher Verdichtung trüb geworden ist. Ich darf überall essen! Venezuelanische Arepas auf dem Camden Market von einem Pappteller und Earl-Grey-Cupcakes auf Spitzendeckchen im Crumbs & Doilies. Ich darf mir vorstellen und mich dabei stumm und wohlig gruseln, wie zwischen den festen Tower-Mauern Blut das Kopfsteinpflaster herunterlief und Königskinder durch diesen Ort zu ihrem Erbe kamen. Ich darf mir in einem englischen Tea-Room kokett mit einer Serviette die Marmelade der Scones vom Mundwinkel tupfen und vom Sky Garden aus das Stadtbild von oben in mich aufsaugen, mich immer wieder drehen und bis zum Horizont London sehen. Ich darf mich auch spätabends aus Versehen in China Town verlaufen und leicht unbehaglich durch die lampionbehängten Straßen eilen, um schließlich von den gleißenden Lichtern des Piccadilly Circus geblendet zu werden. Ich darf mit roten Bussen und schwarzen Taxis fahren. Ich darf mit Londonern sprechen – mit denen, die es gern geworden sind und gern werden möchten. Curry, feuchten Stein, schwarzen Tee, schmuddelige Gassen, Menschen, Vergangenheit – das alles darf ich riechen. Ich darf genau das: Der Vorstellung, dem Bild, der Idee, die ich von der Stadt hatte, ein Stückchen „mich“ zufügen und gleichzeitig ein Stückchen von ihr mitnehmen. Die Präsenz derer fühlen, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist, von einer Zeit träumen, die es so nie gegeben hat, die aber in meinem Kopf so viel verklärte Romantik und düster-kühle Geheimnisse heraufbeschwört. Die Stadt als Initialreiz für Gedankenachterbahnfahrten nutzen.

Und in all dem Trubel ruhig werden und einfach hinsehen.

Piccadilly Circus

Piccadilly Circus

Crumbs and Doilies in Soho

Crumbs and Doilies in Soho

Camden Market

Camden Market

Café "Notes" am Trafalgar Square

Café „Notes“ am Trafalgar Square

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Carnaby Street in Soho

London Eye

London Eye

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2 Gedanken zu “London, my love

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