Dem Scheitern ins Auge sehen

Die Kunst des Scheiterns

Jeden Tag scheitern. Ein kleines bisschen. So richtig. Ein Kuchenteig, der in die Hose geht, eine liebevoll gehegte Blume, die zu Boden fällt und zerbricht, ein Herzenswunsch, der aus den Augen gerät, eine Pflicht, die dich überwältigt.

Scheitern_Wolkenkuckucksheim

Von den kleinen Scheiterchen, die dir täglich zwischen die Beine springen, um dich zum Stolpern zu bringen, trittst du dich meist einfach wieder los. Ein kurzes Straucheln und weiter. Aber manchmal kommen sie als Horde, krallen sich an deinen Fersen und in deinem Nacken fest und drücken dich langsam nach unten.

Zu scheitern ist nicht schlimm. Natürlich nicht. Eine Absage für ein Stellenangebot – na schön, kommt eben das nächste. Liegt ja nicht unbedingt an mir. Oder?

Hiding

Mit der Entscheidung, mich mit meinem Blog in die Öffentlichkeit zu stellen, habe ich mich auch dazu entschlossen, zu scheitern. Jedes Projekt läuft Gefahr zu missglücken, besonders bei den Dingen, die ich zum ersten Mal mache. Lernen heißt, auch Fehlschläge zu erleben. Manchmal bedarf es vieler Anläufe, bis ich mit dem Ergebnis glücklich bin und manchmal klappt es auch einfach nicht. Egal, ist ja nur für mich. Ich habe mir ja nur eine Plattform für mein kreatives, unausgelastetes Ich gesucht, eine digitale Leinwand, auf die ich mein Tagebuch malen kann. Nur für mich. Nein, eben nicht nur für mich! Denn sobald man eintritt, in dieses Cyber-Füllhorn, das überquillt vor Expertise, vor selbstbewussten, inspirierten und wunderschönen Menschen, stellst du dich automatisch neben sie in die Reihe; Blickrichtung nach vorn, bereit, sich im direkten Vergleich sein Urteil abzuholen. Von der Jury – von euch. Plötzlich vergleichst du nicht mehr nur das, was du tust, sondern auch das, was du bist, mit dieser hyperrealistischen Coolness-Elite, die sich im Netz zu einer überwältigenden Gruppe zusammenschließt. Und jetzt lässt du dich bewerten. Nicht subtil, zwischen den Zeilen, sondern offensiv, direkt ins Gesicht. Likes zählen, Herzen sammeln wie Super Mario die Münzen – ab 100 gibt’s ein Leben.

Hände gebunden

Das Absurde: Du verurteilst dich selbst zum Scheitern. Follower verloren – was hab ich falsch gemacht? Reichweite erhöhen – aber warum? Die Fliesen in meiner Wohnung sind nicht hübsch genug für Instagram – wie kann ich sie verstecken? Warum noch mal das alles? Ach ja, nur für mich selbst. Nur für mich scheitere ich bei dem Versuch, eins der coolen Kids zu sein. Degradiere mich selbst. Ist das normale Leben mit den kleinen Scheiterchen nicht schon genug?

Ja. Doch eins habe ich dabei vergessen: Jedes Scheitern bietet dir eine zweite Chance. Eine Möglichkeit, es besser zu machen, es noch mal zu versuchen. Oder zu reflektieren und einzusehen, dass es dir eigentlich gar nicht wichtig ist. Eine gescheiterte Existenz gibt es nicht, nur die Idee von etwas, die uns runterzieht, weil sie in unserem Kopf immer so viel bunter, origineller, einzigartiger ist, als es überhaupt zu leisten ist. Ein selbst angelegter Scheiterhaufen.

Mensch, ärgere dich nicht. Fliegst du raus, selbst kurz vor dem Ziel, musst du eben von vorn anfangen. Auch wenn alle anderen dir voraus sind, das Spiel geht weiter. Es wartet nicht auf dich, also zieh mit. Und ärgere dich nicht! Ist ja eigentlich alles nur ein Spiel, wenn man es recht bedenkt …

Dem Scheitern ins Auge sehen

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