Sherlock Season 4

Sherlock(ed) – again

„I always know when the game is on, you know why? Because I love it!“

So vieles von dem, was heute auf unseren extrabreiten und ultraflachen, tragbaren oder statischen, Hauptsache hochauflösenden Displays auf uns einstürmt, hinterlässt nur noch einen unbedeutenden Hauch, der uns vielleicht sogar kurz erfasst, aber oft nicht mal an der Oberfläche eine Spur von wohliger Gänsehaut zurücklässt. Ganz selten, wenn man Glück hat, stößt man jedoch auf etwas, das einem mit der Macht eines Orkans um die Ohren fegt und die Gedanken noch für Tage völlig verwirbelt zurücklässt. Der angenehme Wirbelsturm, der mir die Sommerhitze aus dem Kopf gepustet hat, ist die vierte Staffel von SHERLOCK! 

Mystery, eigensinnige Gestalten, englische Noblesse, verzwickte Geheimnisse, Krimi, verruchtes London, viktorianisches Zeitalter – wer kann sich schon dem Bann der Geschichten um den Meisterdetektiv entziehen? Ich zumindest schon seit Jahren nicht und schon gar nicht, seit die BBC angefangen hat, die herausragende Serie Sherlock zu produzieren. Ich möchte – einfach nur, um meine Begeisterung zu teilen – ein paar Highlights der jüngsten Staffel hier mit euch feiern!*Achtung! Spoiler!

 

Eine Frage der Identität
So haben wir Sherlock noch nie gesehen

Seit mittlerweile vier Staffeln beobachten wir irgendwo zwischen verzückt und pflichtbewusst entrüstet, wie Sherlock Holmes sein Umfeld in Verlegenheit bringt. Selbstherrlich, unangepasst, schamlos und über alle Maßen des Erträglichen arrogant – so haben wir ihn kennen und als Antihelden lieben gelernt. Und auch in dieser Staffel enttäuscht er uns nicht, was das Abfeuern von Beleidigungen und Selbstbeweihräucherung geht. Doch ist dieses Mal etwas anders. Mittlerweile wissen wir, dass er ein nonkonformistischer Exzentriker ist – das schockt uns nicht mehr. Da gibt’s jetzt mehr! Sherlock bricht zusammen. Sherlock leidet. Sherlock ist verzweifelt. Und Sherlock trauert. Doch Überraschung: Nicht um seiner selbst willen, denn tatsächlich hat der unnahbare Meisterdetektiv sich in dieser Staffel so weit entwickelt, dass er sich selbst nicht mehr als Zentralgestirn wahrnimmt. Mehr als einmal ist er sogar bereit, sein Leben für andere zu geben. Trotzdem macht ihn das nicht zu einem dieser austauschbaren, moralapostolischen Heldenfiguren, denn hey, er ist das größte Genie aller Zeiten – und das weiß er auch.

„Es ist kein angenehmer Gedanke, John, aber ich habe von Zeit zu Zeit das schreckliche Gefühl, dass wir im Grunde alle einfach nur Menschen sind.“

I am sherlocked

Das Rendezvous an der Brücke – Trau deinen Augen!

Wie vermittelt man visuell, wie die Wahrnehmung bei einem Drogenrausch auf den Kopf gestellt wird? Wie zeigt man, wie eine Salve aus Gedanken abgeschossen wird, die auf einmal die Puzzleteile ineinanderfallen lässt? Wie stellt man das Undarstellbare da? Tja, frag mal Mark Gatiss und Steven Moffat, die können das. Schon in den Staffeln zuvor arbeiteten die Produzenten ungewöhnliche Stilmittel ein, um uns normale Sterbliche an der Brillanz von Sherlock Holmes‘ Deduktionen teilhaben zu lassen. Dabei verfrachteten sie schon Sofas auf Wiesen, projizierten Landkarten auf Gesichter und verpassten der Umgebung Zeitlupemodus, während Sherlock der Zeit voraustüftelte.

Nach drei Staffeln ein alter Hut? Wohl kaum, denn so wie Benedict Cumberbatch seinem Sherlock ständig neue Facetten hinzufügt, setzen die Serienmacher immer andere Bilder, Kameratechniken, Perspektiv- und Belichtungstricks ein, um dem Detektiv zu folgen, wenn es eigentlich gar nicht möglich ist.

Da Bilder dann manchmal doch mehr sagen als Worte, überlasse ich es Nerdwriter1, ein paar Beispiele einzubringen:

Das Familienritual – eine neue Komponente

Mycroft kennen wir bereits als kaum liebenswertes Mitglied der Holmes-Familie, das dann aber doch ein ums andere Mal mit völlig unerwartetem und ungewöhnlich angebrachtem Mitgefühl überrascht. Auch die Eltern der beiden Brüder bekamen schon ihren kleinen Gastauftritt. Doch wer hätte es auch nur erahnen können: In Staffel 4 bekommen die Holmes‘ Familienzuwachs – leider von der wenig erfreulichen Sorte, die jeden schmatzenden Onkel und jede hysterische Schwägerin der echten Welt dezent auf die Reservebank verlädt. Eurus ist das dritte Geschwisterkind der Familie und zeigt, dass die Gebrüder Holmes im Vergleich fast schon langweilige Normalos sind. Denn: Eurus tickt nicht richtig. Oder anders: Sie tickt so richtig, dass ihr Uhrwerk überdreht. Ihr Intellekt übertrifft den Sherlocks und Mycrofts bei Weitem und versorgt damit die Staffel mit einem komplexen Bösewicht, der Moriarty ebenbürtig (wenn auch nicht ganz so spaßig) ist.

Moriarty was real

Neben den Verstrickungen des Holmes’schen Haussegens wachsen sich auch die Beziehungen zu John Watson, Mary und Rosamund familienähnlich aus. Mir persönlich wurde die Figur der Mary allerdings in dem Gefüge etwas zu wichtig, weshalb ich zwar natürlich im Aquarium mitgefiebert habe, aber dann doch gar nicht sooo traurig war, dass sie mit einem Heldentod entlassen wurde. Was das Ganze mit Sherlock und John anstellt ist doch außerdem so viel spannender!

Sherlock Holmes auf Papier

Seine Abschiedsvorstellung (?) 

Alle Welt fragt sich, ob das nun die letzte Staffel dieser brillanten Serie ist. Sollte sie das vielleicht sein, bevor sie uns irgendwann möglicherweise enttäuscht (so wie Indiana Jones 4)? Besser nicht, besser weitermachen, besser nie aufhören! Kaum eine Serie hat so hochkarätige Widersacher, solche visuell innovativen Erzähltechniken, Schauspieler mit so viel Format und … London! Ich erhebe meine Teetasse und sage „Cheers!“ und vielen Dank für vier Staffeln Sherlock.

I believe in Sherlock Holmes - Cheers!

 

* Da es im Netz jede Menge tolle Inhaltszusammenfassungen und Reviews gibt, habe ich hier darauf verzichtet. Wer aber eine erstklassige Übersicht über die Ereignisse der vierten Staffel haben möchte, klickt am besten auf SerieslyAwesome.tv.

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