Heimweh

Wenn man seine Heimat verlässt, passiert das aus den verschiedensten Gründen: aus Liebe, wegen des Jobs, durch Zufall oder aus Überzeugung. Manchmal führt es dich fünf Orte weiter oder 150, manchmal auch ans andere Ende der Welt.

Als ich vor viereinhalb Jahren 600 Kilometer zwischen mich und mein Zuhause brachte, war Heimweh für mich noch eine ferne Kindheitserinnerung aus Zeltlagern und Übernachtungen bei fast unbekannten Verwandten, bei denen schon die muffig-kratzigen Decken ausreichten, um die Tränen kullern zu lassen.

Dann, im von Einheimischen geliebten, von Zugezogenen gefürchteten Stuttgart, lernte ich das Gefühl von einer erwachsenen und damit viel härteren und existenzielleren Seite kennen. Immerhin ist es einfacher, den Pfadfinderleiter zu bitten, Mami anzurufen, damit sie dich aus dem klammen Zelt befreit, als Job, Beziehung und Wohnung von dir zu werfen und die Flucht ins Ungewisse zu ergreifen.

Heimweh - der Wunsch, nicht mehr an dem Ort zu sein, an dem man lebt

Ich habe im Laufe der Zeit etliche Methoden ausprobiert, um das Heimweh zurückzudrängen. Und auch, wenn ich mich wohl auf ewig nach meiner platten Heimat zurücksehnen werde, lerne ich Stück für Stück, dass Heimweh zwar bleiben, aber mich nicht überwältigen darf. Hier ist, was mir dabei hilft.

Das wahrscheinlich Wichtigste: Anschluss finden!

Du studierst in einer fremden Stadt? Wunderbar, denn nichts macht es dir so leicht, einen Freundeskreis aufzubauen, wie das Studium. Abseits davon wird es kniffliger. Einige schwören auf Fitness-Studios oder Vereine, manche halten sich an Kollegen. Für mich hat sich herausgestellt: Mutig zu sein zahlt sich aus. Auch wenn es nicht immer einfach ist, auf die Leute zuzugehen, und man vielleicht auch mal eine Abfuhr kassiert, war es für mich der erfolgreichste Weg, neue Freunde zu finden. Ich habe versucht, offen zu sein (eine Bekanntschaft habe ich sogar am Puderregal von Rossmann gemacht) und zu denen eine Beziehung aufzubauen, bei denen ich spürte, dass wir einen Draht zueinander hatten. Irgendwann funktioniert es wie ein Schneeballsystem und du lernst diesen über jenen über welchen kennen. 

Übrigens: In größeren Städten gibt es extra für kontaktfreudige Zugezogene regelmäßig Veranstaltungen; hier im Ländle organisieren sie sich zum Beispiel auf Facebook über die Gruppe „Neu in Stuttgart“. So oder so, Freunde sind elementar, denn sie helfen dir über (fast) alles hinweg.

Sich Heimweh gönnen 

Manchmal möchte man sich einfach gepflegt selbst leidtun. Und das ist auch völlig okay! Es muss hin und wieder Tage geben, an denen man ausgiebig traurig sein darf. Heulen kann sogar gut tun, denn es schwemmt einmal heftig den Grund, sodass man möglicherweise hinterher frisch und befreit einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat. Am besten setzt man sich aber eine Trauer-Frist: einen Tag jammern deluxe, dann stehen wir wieder auf, wischen uns die Nase am Ärmel ab und gehen mit unseren inneren Dämonen zur Versöhnung einen trinken.

Du darfst traurig sein, aber lass dich nicht überwältgen

Die Sache mit der Integrationsverweigerung

Dieser weise Mann hinterließ bei mir Eindruck: So beleibt, dass meine Armlehne in seiner Hüfte verschwand, thronte er im Flugzeug auf der Strecke Stuttgart – Hannover neben mir. Er Schwabe, ich Kind der Lüneburger Heide. Er hat Baden-Württemberg vor Jahren verlassen, bezeichnet sich als Hannoveraner, macht sich nichts aus seinem breiten Schwäbisch, das ihn sofort entlarvt. „Solange du sagst, du kommst aus Niedersachsen, wirst du dich nie irgendwo anders zu Hause fühlen. Akzeptier die neue Situation, steh dazu und mach das Beste draus – oder ändere es.“ So viel Tiefgang von einem Hersteller für Automobilsitzbezüge …

Neue Lieblingsplätze

Sich Vertrautes im Unvertrauten zu schaffen, kann schon so viel ausmachen. Mach aus deinen vier Wänden einen Wohlfühlpalast, einen Ort, an dem du Dinge horten kannst, die dich glücklich machen, an dem du so unvorteilhaft, ungeschminkt, unfrisiert und kuschelklamottig herumlungern kannst, wie du willst (gut, vielleicht nicht dauerhaft, das macht auch unzufrieden J), an dem du dich vor der Welt verschanzen oder zu dem du die Welt einladen kannst. Bau dir dein eigenes Wolkenkuckucksheim und gestalte es dir bunt, elegant, alternativ, retro, modern, bieder, ganz ohne Regeln – und mach es zu deinem Zuhause.

Und dann erweitere es: Sobald der Barista aus dem Café mit den saubequemen Samtsesseln weiß, wie du deinen Kaffee trinkst, hast du schon einen kleinen sicheren Hafen in der Fremde gewonnen. Und so geht es weiter, bis du schließlich einen Stamm-Italiener hier und eine Lieblingsbuchhandlung dort hast. Ganz langsam wird so ein Auswärts- zum Heimspiel.

Finde neue Lieblingsplätze wie ein Café oder eine ganz besondere Bank im Park

Erinnerungen schaffen

Ich denke, es ist wichtig, dem Ort, den man sich (aus welchem Grund auch immer) zum Leben ausgesucht hast, eine Chance zu geben, dich zu begeistern. So oft ich kann benutze ich verschiedene Wege nach Hause, biege unterwegs in Seitengassen ab, lerne die Stadt kennen. Egal, wo du bist, es gibt überall Dinge, die dich überraschen können. Ob es das afrikanische Restaurant ist, in dem man mit den Händen isst, oder ob du lernst, eine Kuh zu melken – der neue Lebensabschnitt dürstet danach, mit positiven Erlebnissen gefüllt zu werden. Im besten Fall kann man sie sogar mit Freunden oder Familie von daheim teilen, wenn sie zu Besuch kommen.

+++ Ab hier nur weiterlesen, wenn du auf Tipps pfeifst, weil es aussichtslos für dich ist, dich an diesem Ort jemals wohlzufühlen +++

Wenn alles nichts nützt …

Viele mit ernstzunehmendem Heimweh werden jetzt motzen und sagen, dass sie das doch alles schon versucht haben und es trotzdem nicht besser wird. Ja, stimmt, manchmal wird es nicht besser. In ein paar Fällen wird es sogar immer schlimmer. Ich bin keine Heimwehspezialistin und kämpfe oft genug selbst noch mit Zweifeln. Nicht zuletzt ist sicher auch diese Lösung denkbar: kapitulieren, hinschmeißen, nach Hause fahren. Nicht falsch verstehen, ich rate hiermit nicht: „Gib einfach auf“. In den allermeisten Fällen bessert sich das Heimweh nämlich über kurz oder lang und plötzlich ist das Leben wieder in Butter. Wenn man aber womöglich jahrelang gekämpft hat und der Himmel trotz aller ambitionierten Versuche immer grauer wird, muss man in sich hineinhören, was das Beste für einen selbst ist. Heimweh kann nicht nur geistig, sondern auch körperlich krank machen. Deshalb: Für eine gewisse Zeit die Zähne zusammenzubeißen, wenn es mal schwer wird, kann dich stärker und am Ende sogar noch zufriedener machen. Aber man darf auch von etwas ablassen, wenn es unmöglich wird. Denn kaum etwas ist es wert, dass man dafür dauerhaft unglücklich ist. Manchmal liegt das Glück eben nicht unbedingt dort, wo man es gern hätte. Für mich ist das Wichtigste im Leben aber, es trotzdem zu finden.

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3 Gedanken zu “Heimweh

  1. Carola schreibt:

    Mensch, Anna! Wie mir plötzlich vieles wieder einfällt…. ein Kennenlernen zwischen zwei Heimwehhabenen bei der Mitfahrzentrale, ein Kaffee bei Hugendubel und mein 30. Geburtstag beim Afrikaner!
    Wie cool was Du jetzt machst! Ganz liebe Grüße Carola aus Hannover

    Gefällt 1 Person

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